Als jahrelanger Begleiter der Agendagruppe „Lebenswertes Gersthof“ hatte ich am Samstag bei den Klängen der Boku-Blasmusik Gänsehaut und scheinbar war ich mit dem Gefühl nicht der Einzige. Denn viele Jahre war nicht klar, ob sich der Einsatz engagierter Bürger*innen für eine Entschleunigung am Platzl lohnen würde. Jetzt ist es erlebbar, das jahrelange Engagement hat den Menschen vor Ort mehr Platz am Platzl gebracht.

Wem gehört der Öffentliche Raum? Eine Zeitreise durch die Geschichte der Straßennutzung am Platzl.

Ein kurzer Blick zurück in Vergangenheit der Straße. Mit Hilfe des Bezirksmuseums, des Verkehrsmuseums Remise und engagierten Bürger*innen fertigten wir für die Eröffnungsfeier eine kleine Ausstellung an. Persönlich kenne ich die Gersthofer Straße noch gut aus meiner Kindheit aus den späten 70-er Jahren: Kopfsteinpflaster, die 9-er Endstelle in zweiter Spur vor der S45, keine Ampeln und auch keine markierten Fahrspuren. Ein Ort, an dem alle nur mit höchster Aufmerksamkeit unbeschadet queren konnten. Ich erinnere mich an eine ältere Dame aus der Nachbarschaft, Frau Diwoky. Als sie die Straße zu Fuß querte, wurde sie von einem Autofahrer erfasst und getötet.

In den 80-er Jahren wurde die Gersthofer Straße dann zu einer vier- bis fünf-spurigen Bundesstraße umgebaut mit zahlreichen Ampeln. Ab jetzt ging das Schnellfahren und Überholen so richtig gut und daran änderte auch die später errichtete Radarbox wenig. Für mich als Kind blieb diese Straße eine rote Linie, die ich allein nicht überqueren durfte. Der Griff der Hand meiner Mutter war dort besonders stark zu spüren.

Nach Jahrzehnten mehrspuriger Bundestraße brauchte es Veränderung für die Menschen, die in Gersthof leben

40 Jahre später, die Bundesstraße gab es zwar seit 1994 nicht mehr, aber das Bild hatte sich nicht geändert. Im Gegenteil: Mit weiteren Ampeln hatte man versucht die unzähligen Unfälle zu reduzieren, die Fußgänger*innen hetzten über lange Querungen und kurzes Ampelgrün, neue Gitter wurde aufgestellt, mit denen sie am Rand gehalten werden sollten. An den engen Stellen wie bei der 10A-Station oder beim Schuster war bereits ein entgegenkommender Kinderwagen ein Problem. Vielen Menschen im Grätzl war schon länger klar, dass ihnen die Straße in dieser Form nicht guttut.

Im Jahr 2017 startete der Agenda Prozess mit dem Aufruf an alle Währinger*innen sich für nachhaltige Bezirksentwicklung zu engagieren. Acht Gruppen kristallisierten sich in den kommenden Monaten heraus, die die Unterstützung des Agenda-Teams gerne annahmen. Unter den ersten auch die Gruppe „Lebenswertes Gersthof“, deren Betreuung ich wegen meiner Ortskenntnisse übernehmen durfte.

Technische Machbarkeitsprüfung zwischen kosmetischer und radikaler Veränderung

Wir starteten mit der Erstellung eines Leitbilds und erhoben Problemstellen bei Begehungen. In den folgenden Monaten und bei unzähligen offenen Gruppentreffen unterstützte ich mit Moderation, Abstimmungen mit Fachdienststellen und Bezirk sowie Lösungsbeispielen. Dazu luden wir unterschiedliche Abteilungen der Stadt Wien aber auch die Wiener Linien und Verkehrsplaner ein, um mit den Bürger*innen gemeinsame Machbarkeiten zu prüfen. Umsetzungsideen gab es sehr viele – zahlreiche davon waren umfassender, etliche radikaler als heute umgesetzt und manche auch nur kosmetischer.

Im Oktober 2018 lud die Gruppe zu einem Ideenfest auf das Gersthofer Platzl und holte noch weitere Interessierte und Geschäftsleute zu der Umgestaltung hinzu. Das Jahr 2019 stand dann im Zeichen des Diskurses. In mehreren Mobilitäts- und Bezirksentwicklungskommissionen wurden die Entwürfe von der Agendagruppe und Magistratsdienststellen gemeinsam vorgestellt, bei zwei Bürgerinformationsveranstaltungen, zu denen die Bezirksvorstehung breit eingeladen hatte, diskutiert und Plananpassungen vorgenommen. Die Agendagruppe führte mit allen Fraktionen einzelne Klubgespräche und organisierte eine öffentliche Begehung mit den Umbauplänen. Für die einfache Vermittlung der komplexen Pläne wurde eigens eine lebendige Skizzensprache, ein „Urban Sketch“ entwickelt. Parallel dazu lud die Bezirksvorstehung alle Bürger*innen per Postwurfsendung zu einer eigenen Ausstellung, zur Planeinsicht und bot Gespräche mit Expert*innen aus den Dienststellen an.

 

Trotz aller Schritte der Einbindung, die in Summe von hunderten Bürger*innen in Anspruch genommen wurden, entwickelte sich das Projekt mit Blick auf die nahe Bezirksvertretungswahl zum Politikum. Erst das Ergebnis der Neuwahl im Oktober 2020 ermöglichte dann mit einem neuen politischen Kräfteverhältnis die Umsetzung des Projekts der Bürger*innen. Fast schon unglaublich, was alles bis zur Umsetzung dieses im Umfang doch überschaubaren Projekts an Beteiligungsschritten geleistet wurde.

Dank umfangreicher Beteiligung bekommt das aufgewertete Bezirkszentrum einen besonderen Stellenwert

Jetzt haben die Menschen in Gersthof sich ein Stück ihres Bezirkszentrums zurückgeholt, für das sich viele lange und intensiv engagiert haben. Es ist nun leichter zu Fuß erreichbar, mit sicheren Querungen vom Markt zur Gentzgasse und wieder zurück. Mit breiteren Gehsteigen, Trinkbrunnen, Bäumen, konsumfreien Sitzgelegenheiten und später noch einem WC wird die Aufenthaltsqualität deutlich gehoben. Einen ersten digitalen Foto-Vergleich hat „Unser Währing“ veröffentlicht. Das Erreichte wird die Menschen in Gersthof prägen – auch bei künftigen Veränderungen. Ein Video zur Eröffnung mit Interviews gibt es auf Okto-TV dazu.

Aus der persönlichen roten Linie meiner Kindheit, die ich nicht alleine überschreiten durfte, wurde am Samstag ein rotes Band. Stellvertretend durchschnitt es ein Bürger der Agendagruppe gemeinsam mit Bezirks- und Stadtpolitikinnen zur Eröffnung eines menschenfreundlicheren Platzls. Ich freue mich auf weitere Projekte von und mit engagierten Bürger*innen, mit lösungsorientierter Verwaltung und mutiger Politik, die unser Wohl und das Wohl künftigen Generationen im Blick hat.