Dialog Plus

Lerninsel, Spinde oder freies W-Lan? SchülerHaushalte in Österreich.

Eine Lerninsel oder freies W-Lan für alle? Selten dürfen SchülerInnen über solche Fragen selbst entscheiden. Zwei erfolgreiche SchülerHaushalte in Österreich zeigen, wie Jugendliche in die Ideenfindung und Abstimmung zu Verbesserungsvorschlägen an ihrer Schule eingebunden werden.

(CC) Dialog Plus | Mario Egger

SchülerInnen der HAKIP in Bruck/Mur bei der Stimmabgabe mit Wahlurne. (CC) Dialog Plus | Mario Egger

Die Geschichte der SchülerHaushalte begann um 1990 wieder einmal in Brasilien. Diesmal entstand die Idee nicht in Porto Alegre, sondern in der im Nordosten gelegenen Stadt Recife. Sie wurde daraufhin von der Bertelsmannstiftung aufgegriffen und inhaltlich für Deutschland angepasst. [Update: Seit 27.8.2015 finden sich die gemachten Erfahrungen von deutschen und österreichischen Schulen auf schülerhaushalt.at.]
In einem mehrstufigen Verfahren wird dabei über die Nutzung eines von der Kommune zur Verfügung gestellten Budgets abgestimmt. Ideen und Verbesserungsvorschläge können von den SchülerInnen selbst eingebracht und diskutiert werden. In einer Wahl an der Schule mit Stimmzetteln und Wahlurnen wird dann über die beliebtesten Vorschläge abgestimmt, die abschließend, in Kooperation mit dem Schulträger oder mit der Kommunalverwaltung, umgesetzt werden.

Inhaltsstarke Ideenernte und breite Wahltbeteiligung

Der Erfolg gibt dem Partizipationskonzept Recht. Die SchülerInnen fühlen sich ernstgenommen und in demokratische Prozesse eingebunden, während die Wahlbeteiligung weit über jener einer Nationalratswahl liegt. Die Verbesserungsvorschläge könnten unterschiedlicher nicht sein. Von Spinden über einen Volleyballplatz bis zu einem Döner-Imbiss wird fast alles eingebracht. Den SchülerHaushalten ist eines gemeinsam: sie erreichen alle Jugendlichen gleichermaßen und werden zu einem großen Teil von diesen selbst gesteuert. Sie stellen ein bedeutsames Instrument zur Mitbestimmung in der Schule dar und sind ein optimaler Weg für das Erlernen von Demokratie, der weder besonders viel Aufwand noch Kosten verursacht.

Vorreiter in Österreich: Nenzing und Bruck/Mur

(CC) Dialog Plus | Direktion MS Nenzing

Der neu erreichtete Beachvolleyballplatz in Nenzing (CC) Dialog Plus | Direktion MS Nenzing

In Österreich haben zumindest zwei Schulen erfolgreich das Konzept von  SchülerHaushalten angewendet. Die Mittelschule  Nenzing in Vorarlberg führte diesen im Jahr  2014 durch. Durch die eingereichten Vorschläge und  die Abstimmung der SchülerInnen konnte die wenig  genutzte Kugelstoßanlage am Schulgelände durch einen Beachvolleyballplatz ersetzt werden. Zusätzlich wurde der provisorisch eingerichtete Gruppenraum im Obergeschoß der Schule durch eine vielseitig nutzbare Lerninsel ersetzt. Es zeigte sich, dass ein SchülerHaushalt für die Identifizierung von Bedürfnissen Jugendlicher grundlegend sein kann. Insbesondere dann, wenn Umbaumaßnahmen angedacht werden, würde sich ein solcher Beteiligungsprozess gut eignen, um Wünsche der SchülerInnen miteinbeziehen zu können.

In Bruck a. d. Mur  befindet sich gerade die HAKIP in der finalen Phase eines solchen Partizipationsprojekts. Aktuell wird an der Anschaffung eines zusätzlichen SchülerInnen-Druckers im zweiten Obergeschoß der Schule gearbeitet. Der Restbetrag des Budgets soll darüber hinaus für zusätzliche Sitzgelegenheiten verwendet werden.
Durch die Abstimmung über die Nutzung des Budgets gelingt es, den Anliegen der SchülerInnen nachzukommen. Die Realisierung von eigenen Ideen und Vorschlägen bewirkt, dass sich diese mit ihrer Bildungseinrichtung stärker identifizieren. Zusätzlich zeigte die Stadt- und Schulverwaltung, dass sie demokratische Prozesse bei Jugendlichen ernst nimmt. Dies wurde insbesondere durch den zur Verfügung gestellten Geldbetrag unterstrichen.

Gelebte Demokratie in der Schule

Die positiven Effekte durch das Recht auf Mitsprache wirken außerdem deutlich über die Grenzen der Bildungseinrichtungen hinaus. Durch einen SchülerHaushalt werden alle SchülerInnen gleichermaßen angesprochen und in einen demokratischen Prozess erlebbarer Politik eingebunden. Sie lernen dabei ihre Verantwortung als gestaltender Teil der Gesellschaft wahrzunehmen. Wenn also erreicht werden soll, dass sich Kinder und Jugendliche demokratisch verhalten und künftig an Entscheidungsprozessen teilnehmen, darf nicht lediglich über Demokratie gesprochen, es muss diese spürbar gemacht werden. SchülerHaushalte bieten einen altersmäßig adäquaten Zugang zu Politik und Möglichkeit zur Mitbestimmung.

KnowHow zum Thema vermitteln

Nach Interviews, die ich an den beiden Schulen durchführte, arbeite ich aktuell an der Auswertung des Materials und werde mit Dialog Plus in den kommenden Wochen das Wissen um die gemachten Erfahrungen zu SchülerHaushalten in Österreich über eine Website öffentlich zugänglich machen. Interessierte DirektorInnen, SchülerInnen, Eltern oder im Bildungsbereich tätige Menschen, wie auch Gemeinden oder Schulträger sollen mit diesen Informationen solche Demokratie fördernde Projekte einfacher durchführen können.

Update: Seit 27.8.2015 steht allen Interessierten die Internetseite www.schülerhaushalt.at zur Verfügung. Zur Presseaussendung …

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