Blogbeitrag

Inspiration aus Berlin: Das KREATIVHAUS Fischerinsel

Was macht einen Ort zu einem echten Stadtteilzentrum? Diese Frage habe ich mir bei meinem Besuch im KREATIVHAUS auf der Fischerinsel in Berlin Mitte gestellt.

Seit einigen Monaten wohne ich mittlerweile in Berlin und habe dabei auch die Fischerinsel in meiner Nachbarschaft kennengelernt. Das bunte Treiben rund um das KREATIVHAUS hat mich neugierig gemacht und schließlich zu einem Besuch geführt. Während mich eine Mitarbeiterin durch das Haus führte, wurde schnell deutlich: Hier geht es nicht in erster Linie um einzelne Projekte oder Veranstaltungen. Vielmehr kommen an diesem Ort ganz unterschiedliche Angebote und Menschen aus der Nachbarschaft zusammen. Das Stadtteilzentrum wird vom gemeinnützigen FiPP e.V. getragen und über das Infrastrukturförderprogramm Stadtteilzentren des Landes Berlin gefördert.

In unserem Format „Inspiration aus“ werfen wir einen Blick auf Projekte und Orte, die neue Perspektiven auf Beteiligung und Stadtentwicklung eröffnen. Beim KREATIVHAUS Fischerinsel in Berlin interessierte mich dabei besonders die Frage, was ein solches Stadtteilzentrum ausmacht und welche Anregungen sich daraus für Wien mitnehmen lassen.

Alles unter einem Dach?

Schon beim Betreten fällt auf, wie unterschiedlich das KREATIVHAUS genutzt wird. Das Stadtteilcafé (getragen von der Schildkröte gGmbH) bildet einen offenen Treffpunkt, gleichzeitig finden im Haus Angebote für Familien und Kinder, Kultur und Kreativität, Sport und Bewegung, Beratung sowie Möglichkeiten für ehrenamtliches Engagement statt. Auch rund um die Themen Migration und Integration gibt es verschiedene Projekte und Angebote. Diese Angebote sind nicht auf verschiedene Einrichtungen verteilt, sondern finden sich unter einem Dach. Im Gebäude des KREATIVHAUS gibt es auf zwei Etagen einige Räume, die für unterschiedliche Zwecke genutzt werden. Durch die Ansiedelung der Inklusionsberatung (VskA) wird das Stadtteilzentrum inklusiv gestaltet. Viele Angebote sind kostenlos oder kostengünstig und sollen damit möglichst vielen Menschen offenstehen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei das Mehrgenerationenhaus. Seit 2007 ist es als Teil des KREATIVHAUSES ein offener Begegnungsort für Menschen unterschiedlichen Alters und verbindet Angebote für Kinder und Familien mit jenen für Erwachsene und Senior:innen. Dazu gehören etwa Holzwerkstätten, Theater- und Bewegungsangebote, digitale Bildung für Senior:innen sowie unterschiedliche Beratungsangebote.

Während meines Rundgangs fand ich gerade diese Mischung interessant. Hinter den verschiedenen Räumen stehen unterschiedliche Nutzungen und Zielgruppen, trotzdem befinden sie sich am selben Ort. Auch der Außenraum gehört dazu: Vor dem Haus gibt es Hochbeete und weitere Möglichkeiten, gemeinsam aktiv zu werden.

Das KREATIVHAUS versucht damit nicht, eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen, sondern unterschiedliche Menschen aus dem Stadtteil unter einem Dach zusammenzubringen.

Ein Haus, das sich mit seinem Stadtteil verändert

Während des Rundgangs erzählte mir die Mitarbeiterin von der über 30-jährigen Geschichte des KREATIVHAUSes. Was Anfang der 1990er Jahre stark von theaterpädagogischer Arbeit geprägt war, wurde nach und nach um weitere Bereiche ergänzt. Das Mehrgenerationenhaus, das Familienzentrum, die Stadtteilkoordination und weitere soziale und nachbarschaftliche Angebote kamen hinzu.

Interessant fand ich dabei weniger die Anzahl der Angebote als die Entwicklung dahinter. Das KREATIVHAUS scheint nicht nach einem einmal festgelegten Konzept zu funktionieren. Vielmehr haben sich seine Aufgaben und Nutzungen über die Jahre verändert und erweitert.

Beteiligung passiert im Alltag

Bei meinem Besuch ist mir außerdem aufgefallen, dass Beteiligung im KREATIVHAUS nicht unbedingt dort beginnt, wo ausdrücklich zu einem Beteiligungsformat eingeladen wird.Menschen kommen aus unterschiedlichen Gründen hierher. Sie besuchen mit ihren Kindern eine Gruppe, nehmen an einem Kurs teil, suchen Beratung, nutzen eine Werkstatt oder kommen auf einen Kaffee vorbei. Andere engagieren sich ehrenamtlich oder bringen eigene Ideen ein. Das KREATIVHAUS beschreibt sich selbst als Ort, an dem Menschen kreativ sein, Unterstützung bekommen und sich im Kiez engagieren können.

© Stadtteilzentrum Kreativhaus

Dadurch entstehen Begegnungen zunächst einmal aus dem Alltag heraus. Ergänzt wird dieser Zugang durch die Mobile Stadtteilarbeit, die regelmäßig im Kiez unterwegs ist und Angebote im öffentlichen Raum organisiert. So bekommt das KREATIVHAUS unmittelbar mit, was die Menschen im Stadtteil beschäftigt und wo Bedarfe liegen.

Das fand ich für unsere Arbeit besonders interessant, da auch wir in Wien mit der Gebietsbetreuung Stadterneuerung durch regelmäßige Angebote und Formate den Kontakt zur Nachbarschaft aufbauen. Das KREATIVHAUS schafft dafür unterschiedliche Anknüpfungspunkte im Alltag. Menschen kommen wegen eines konkreten Angebots ins Haus oder begegnen dem Team bei Aktivitäten im öffentlichen Raum. So entsteht Kontakt zur Nachbarschaft nicht nur im Rahmen eines konkreten Beteiligungsprozesses, sondern kontinuierlich im Alltag.

Und wie ist das in Wien?

Auch in Wien gibt es viele Einrichtungen und Initiativen, die Nachbarschaft stärken, Beratung anbieten oder Beteiligung ermöglichen. Die Gebietsbetreuung Stadterneuerung, Nachbarschaftszentren, unterschiedlichste Sozialeinrichtungen oder Familienangebote, das Grätzllabor, Pensionist:innenklubs oder lokale Kulturinitiativen übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben.

Beim Besuch des KREATIVHAUSES wurde für mich aber ein Unterschied besonders sichtbar: Im KREATIVHAUS treffen die Funktionen, die in Wien bei unterschiedlichen Angeboten zu finden sind,an einem Ort aufeinander: Stadtteilzentrum, Mehrgenerationenhaus, Familienzentrum, Kulturort, Beratungsstelle und Treffpunkt. Hinzu kommen die Stadtteilkoordination, mobile Stadtteilarbeit und Möglichkeiten für ehrenamtliches Engagement.

© Stadtteilzentrum Kreativhaus

Die Breite des Angebots im KREATIVHAUS eröffnet neue persönliche Zugänge

Das bedeutet nicht, dass der Berliner Ansatz grundsätzlich besser ist. Die Bündelung im KREATIVHAUS schafft aber andere Möglichkeiten. Wer wegen eines Familienangebots ins Haus kommt, begegnet vielleicht Menschen aus dem Mehrgenerationenhaus. Wer eine Beratung besucht, lernt nebenbei das Stadtteilcafé kennen. Wer zunächst an einer Freizeitaktivität teilnimmt, findet später vielleicht einen Zugang zu nachbarschaftlichem Engagement. Gerade diese Überschneidungen finde ich spannend.

Was können wir daraus für Wien mitnehmen?

Das KREATIVHAUS lässt sich natürlich nicht einfach auf Wien übertragen. Die Strukturen und Rahmenbedingungen der beiden Städte unterscheiden sich, und auch in Wien gibt es bereits viele Orte, an denen Nachbarschaft gelebt wird. Trotzdem hat mich der Besuch dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie wir solche Orte in Wien gestalten. Müssen Angebote für unterschiedliche Zielgruppen immer räumlich und organisatorisch getrennt sein? Oder könnten Stadtteilorte stärker verschiedene Funktionen miteinander verbinden?

Wenn unterschiedliche Generationen und Menschen mit verschiedenen Anliegen denselben Ort nutzen, entstehen Möglichkeiten für Begegnungen, die sich nur schwer planen lassen. Das KREATIVHAUS schafft dafür einen Rahmen, ohne dass jede Begegnung von vornherein ein bestimmtes Ziel haben muss.

Gemeinsame Infrastruktur für Nachbarschaft

Entscheidend ist, dass es Orte gibt, an denen Menschen regelmäßig zusammenkommen und die Möglichkeit haben, selbst etwas einzubringen. Für Wien könnte darin eine interessante Inspiration liegen: Stadtteilorte nicht nur als Orte einzelner Angebote zu denken, sondern stärker als gemeinsame Infrastruktur für die Nachbarschaft. Denn Beteiligung darf auch mit einer Tasse Tee oder Kaffee, einem Kurs oder einer Beratung im Stadtteilzentrum starten.

Wer mehr über das Stadtteilzentrum KREATIVHAUS und seine Angebote erfahren möchte, findet weitere Informationen auf der Website. Auch für Fragen und Austausch steht das Team gerne zur Verfügung.