Blogbeitrag

Tailoring: Aus schwer erreichbar wird gut ansprechbar

Wie Menschen erreichen, die an Beteiligungsangeboten selten teilnehmen? Wie gelingt die Aktivierung von "schwer Erreichbaren"? Wir zeigen es.

Seit längerem arbeiten wir an dem Thema, wie wir Menschen erreichen, die bei digitaler oder analoger Beteiligung in der Regeln nicht teilnehmen. Zeit, sich dieses Thema genauer anzusehen.

In der Gesundheitsvorsorge ist die Erreichbarkeit von besonders verletzlichen Menschen bereits einige Jahre im Fokus. Dort sind sozial und ökonomisch benachteiligte Menschen, alleine lebende Ältere oder von Krankheit bzw. Behinderung Betroffene oftmals Thema. Wie können diese Personen gut angesprochen werden? Im Bereich Partizipation hat bspw. die Stiftung Mitarbeit das Thema „schwer erreichbar“ über Sinusstudien und migrantische Milieus sowie die Erreichbarkeit von Jugendlichen untersucht. Beide Blickrichtungen erkennen Menschen mit geringen finanziellen Mitteln, sprachlichen Schwierigkeiten, geringer Bildung, kulturellen Barrieren, sozialer Isolation oder Diskriminierungserfahrung, Jüngere oder Ältere als oft schwer erreichbar für Informations-, Kommunikations- oder Beteiligungsangebote.

Wie gelingt es, genau jene Gruppen anzusprechen und zu aktivieren, die bisher aus unterschiedlichen Gründen nicht teilhaben? Wir geben einen Einblick in unsere Herangehensweise am Beispiel der Veranstaltungreihe „Summer in the City“, mit der die Arbeiterkammer Wien den niederschwelligen Austausch mit Menschen, mit denen sie sonst nicht gut ins Gespräch kommen, intensivieren will.

Personas leiten uns

Um Ort, Zeitpunkt, Sprache und Art der Ansprache für ein Angebot gut entwickeln zu können, braucht es zunächst ein klares Bild: Mit wem wollen wir ins Gespräch kommen? Und mit wen haben wir bisher nocht nicht erreicht? Personas helfen uns dabei, aus anonymen Zielgruppen konkrete Menschen zu machen, für die eine gute Ansprache gestaltet werden kann. Personas sind beispielhafte, sehr konkrete Menschen, die Namen, Lebenssituationen, Bedürfnisse und eine Visualisierung erhalten. Für Zahra, Kemal, Hedi, Bogdan usw. untersuchen wir Orte, wo wir sie treffen können, über welche Wege wir sie erreichen und welche Interessen sie haben.

Die Maßarbeit für nonverbale, mehrsprachige Dialog-Angebote beginnt

Dann geht das Schneidern von Dialog-Angeboten los. Unsere Dialog-Installationen müssen dabei intuitiv verständlich sein und auch mehrsprachig funktionieren. Die Angebote und Einstiegsfragen sind auf die Lebenswelten diverser Zielgruppen optimiert. Im Reachout-Team vor Ort sind wir gemischtsprachig unterwegs. In deutsch, arabisch, türkisch, BKS und vielen weiteren Sprachen gehen wir auf die Menschen vor Ort zu. Das „Tailoring“ kann auch noch weitere Elemente haben, wie die Arbeit mit Multiplikator:innen, speziell aufsuchende Methoden und natürlich digitiale Angebote, die auf die Lebenswelten der Personas angepasst sind.

In dem aktuellen Projekt bauten wir beispielsweise in Handarbeit eine Fotowand mit Zukunftsberufen, Umfragen im Vorbeigehen und einen Beratungs- bzw. Erntebereich – vieles davon nonverbal und inuitiv, alles mehrsprachig. Weitere Mitmach-Stationen wie Schach, Beatboxen und DIY-Kartonhocker zum nach Hause mitnehmen, rundeten das Angebot ab.

Mitmach-Angebote, bei denen Menschen gut ansprechbar sind

Und das „Tailoring“ funktioniert. An einem Nachmittag und Abend im August haben wir sie dann getroffen: Zahra mit ihren Kindern, Kemal direkt bei der Arbeit, Hedi mit Nachbarn, Bogdan wie er von der Arbeit kam – jetzt aber mit ihren tatsächlichen Namen und Lebensgeschichten. Das Mitmachen war ein voller Erfolg. Die vorbereiteten Einstiege, der mehrsprachige „Reachout“ klappte, die Stimmung war gut und für das Projekt konnten zahlreiche Menschen aller Altersstufen angesprochen und mit ihnen Gespräche geführt werden. Unser Aktivierungs-Leitfaden und die Kurzschulung vor Ort halfen zusätzlich allen Projektmitarbeitenden bei der Ansprache. Der Aufwand hat sich gelohnt. Das schönste Kompliment erhielten wir von unserem Kunden am Abend:

Tatsächlich sind wir heute mit denen ins Gespräch gekommen, die wir sonst nicht erreichen. Der neue Ansatz war für alle Personen am Volkertmarkt gut erlebbar.

Das Projekt wird in den kommenden Wochen an sechs weiteren Orten in Wien ausgerollt.