Blogbeitrag
Planen im Social Media-Zeitalter: Grundlagen für gelingende Partizipation

Fünf Impulse aus der Beteiligungspraxis von Peter Kühnberger über das neue Rollenverständnis in der Planung.
In der Planung hat sich das Klima gewandelt. Klassische Beteiligungsformate, bei denen Expert:innen frontal vor versammelter Bürgerschaft eine Lösung vorstellen, funktionieren heute seltener. Emotionale Kritik oder laute Gegner:innenschaft von einigen wenigen sind keine Seltenheit. Währenddessen läuft in sozialen Netzwerken die Meinungsmanipulation mit Halbwissen, Desinformation und großer Emotion. Im Wechselspiel mit Online-Medien verstärken sie die Polarisierung. Was ist in dieser Situation eine sinnvolle Partizipationsstrategie für Planungsprojekte?
1) Das wichtigste Gut für den Projekterfolg ist Vertrauen
Die Daten des OECD Trust Survey 2024 (Building Trust in a Complex Policy Environment) sprechen eine beeindruckende Sprache: Nur 22 % der Bevölkerung vertrauen ihrer lokalen Verwaltung, wenn sie das Gefühl haben, nicht gehört zu werden. Dieser Wert schnellt auf 69 % an, sobald Menschen erleben, dass sie Entscheidungen tatsächlich beeinflussen können. Für Planer:innen bedeutet das: Partizipation ist das stärkste Gegenmittel zur Polarisierung. Wer Menschen strukturiert einbezieht, erntet – unabhängig vom sozioökonomischen Status – deutlich mehr Akzeptanz. Selbst wenn am Ende nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann, legitimiert ein transparenter und fairer Prozess das Ergebnis.
2) Perspektivenwechsel: Expert:innen des Alltags machen Lösungen robuster
Werden für eine Lärmaktionsplanung technisch korrekte Messpunkte erhoben, so bilden diese noch nicht die subjektiv wahrgenommen Belastungen im Alltag ab. Lokale Details oder Lebensumstände können zu anderen Ergebnissen führen. Hier hilft das Wissen der Alltags-Expert:innen: Warum bleibt die normgerechte Ladezone leer, während drei Häuser weiter in der Kurve die Lieferwagen den Verkehrsfluss blockieren? In der Nachbarschaft existiert erstaunlich viel Wissen darüber, wo die Laderampe heruntergelassen wird oder warum der neue Radweg gemieden wird.
Für ein ausgeglichenes Bild ist es entscheidend, den lauten Stimmen die „leisen“ gegenüberzustellen. Die gezielte Ansprache bspw. von Kindern, Senior:innen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Behinderungen wirkt oft augenöffnend für alle Projektbeteiligten und führt zu einer inklusiveren Gestaltung des öffentlichen Raums.
3) Frühzeitiges Konflikt-Radar
Mit gut strukturierter Beteiligung lassen sich die „roten Linien“ – also die Grenzen der Akzeptanz – in einem Projekt frühzeitig herausfinden. Wie hoch ist bspw. die Bereitschaft, Parkplätze gegen mehr Grün oder weniger Lärm zu tauschen? Durch einen qualitätsvollen Dialog werden Interessensgruppen und deren Schnittmengen erkennbar. In der Arbeit mit unterschiedlichen Gruppierungen können Kompromissmöglichkeiten und ein Interessensausgleich erarbeitet werden, bevor die Planung in Stein gemeißelt ist.
4) Hybrid ist die Lösung: Datenlücken füllen, Vertrauen aufbauen
Die Frage ist heute nicht mehr ob digital oder analog, sondern wie beides ineinandergreift. Hybrid-Lösungen füllen Datenlücken und verhindern „überraschenden“ Widerstand kurz vor Baubeginn.
Digitale Partizipation erreicht u.a. jene Menschen, die arbeiten, Kinder betreuen und nie zu einer Abendveranstaltung kämen. Diese Angebote liefern kostengünstig eine Vielzahl an Rückmeldungen, bei Bedarf auch georeferenziert auf einer Online-Karte.
Vor-Ort-Beteiligung wie Planungs-Werkstätten oder Begehungen bieten eine Tiefe und einen Vertrauensaufbau, die kein Bildschirm ersetzen kann. Wenn die Busfahrerin und der Anrainer gemeinsam an der Ecke den Abbiegeradius von Fahrzeugen sehen, entsteht Empathie für die Notwendigkeit der Gegenseite.
5) Das neue Rollenverständnis in der Planung
Konstruktive Kritik ist unbezahlbar – sie macht einen Entwurf robuster. Damit das gelingt, muss das Spannungsfeld zwischen Einflussnahme und Erwartungsmanagement aktiv gestaltet werden:
- Grenzen klären: Vor der Einladung klären, was beeinflussbar ist und was nicht. Hier Zeit mit den Auftraggeber:innen zu investieren, ist für das Vertrauen in das Projekt unbezahlbar.
- Niederschwellig kommunizieren: Bilder und eine einfache, klare Sprache machen die großen und kleinen Zusammenhänge für alle verständlich. Eine barrierefreie Gestaltung erhöht Akzeptanz und Teilnahmebereitschaft.
- Die Leisen suchen: Strategische Bedeutung für die Robustheit eines Projekts haben oft die Perspektiven jener, die im Standard-Prozess fehlen.
- Hybrides Angebot nutzen: Ein moderierter Online-Prozess schafft Reichweite, analoge Formate die qualitative Tiefe und Konfliktbearbeitung.
- Den Kreis schließen: Warum wurde etwas übernommen, und warum nicht? Partizipation braucht eine ehrliche und verständliche Rückmeldung.
Wer heute transparent beteiligt, investiert in das wichtigste Fundament unserer Arbeit: Das Vertrauen in eine gemeinsame, zukunftsfähige Gestaltung unserer Lebensräume. Ernst gemeinte Beteiligung reduziert den Gegenwind des Wandels und schafft tragfähige Koalitionen für die Umsetzung.
Peter Kühnberger verfasste den Beitrag im Mai 2026 für den Tagungsband der FSV – Forschungsgesellschaft Straße – Schiene – Verkehr und der Universität für Bodenkultur, Institut für Verkehrswesen, zum Thema „Partizipation im Zeitalter von Digitalisierung“. Er ist Geschäftsführer von DIALOGPLUS und gestalte mit seinem Team Informations- und Partizipationsangebote für Veränderungsprozesse.





