Dialog Plus

Digital Citizens als Gestalter politischer Partizipation

1932 entwickelte Bertolt Brecht die „Radiotheorie“. Ziel der Überlegungen war es, Radio nicht nur als Konsummedium zu sehen, sondern als ein Mittel der Kommunikation. Mit den von Brecht geschriebenen Hörspielen sollten die Hörer zum Mitspieler werden. Knapp 90 Jahre später ist die Zweiwegekommunikation zwischen AutorInnen und KonsumentInnen durch das Internet Realität geworden. Dieser Blogbeitrag fasst den gerade herausgekommenen Themenschwerpunkt „Medien wirken“ des Journals für politische Bildung zusammen und analysiert die Veränderungen bei politischer Partizipation.

Neue Formen der Partizipation

Die Wissenschaft spricht von der „digitalen Gesellschaft“, die Gesellschaft und die politische Teilhabe verändert. Die klassischen Medien haben ihre Monopolstellung verloren und werden durch die Neuen Medien ergänzt und verdrängt. Besonders für junge Menschen ist das Internet zur Hauptinformationsquelle geworden. Durch die Möglichkeiten der Sozialen Netzwerke entstehen Räume für Diskussion und Austausch, mit der Möglichkeit zur direkten Einwirkung auf die Öffentlichkeit. Prof. Dr. Caja Thimm sieht diese neuen Formen der Partizipation dabei nicht als Ersatz für bestehende Formen, sondern als eine Ergänzung zum Bestehenden.

Der Prozess der digitalen Partizipation kann auch zu Problemen führen. So zeigt sich in der aktuellen Online-Diskussion zur Flüchtlingskrise die Gefahr einer Polarisierung der Gesellschaft. Die extremen Positionen bestimmen zunehmend die Diskussion. Zeigte das Web 2.0 während der Entwicklung des „Arabischen Frühlings“ noch sein Potenzial zur Mobilisierung von Gesellschaften im Kampf um Freiheit und Demokratie, werden in der aktuellen Debatte eher die Möglichkeiten zur Überwachung und Kontrolle thematisiert.

Politische Partizipation der jungen Generation

Erste Untersuchungen der Entwicklungen zeigen, dass vor allem jüngere Menschen mit überdurchschnittlichem Bildungsgrad und einem grundsätzlichen politischen Interesse die neuen Möglichkeiten nutzen. Andere Akteure zeigen ein relativ konstantes Kommunikationsverhalten, unabhängig von den neuen Möglichkeiten des Web 2.0.

Typen politischer Kommunikation nach VoweDie u.a. von Prof. Dr. Gerhard Vowe durchgeführte Panelstudie zeigt fünf unterschiedliche Gruppen, die den Partizipationsprozess im Internet prägen. Spannend ist eine Gruppe, die Vowe als „Digital Citizens“ bezeichnet. Diese Gruppe macht immerhin 15% der Bevölkerung (Deutschland) aus, ist mit dem Web 2.0 vertraut und prägt die Online-Kommunikation. Beachtenswert an dieser relativ jungen Gruppe (etwa 30 Jahre alt) ist, dass die politische Kommunikation, Organisation und Beteiligung fast ausschließlich online erfolgt. Die zweite Gruppe die Vowe hervorhebt, ist die „schweigende Mehrheit“. Mit knapp 50% ist dies die größte Gruppe der Panelgruppe. Hier liegt grundsätzlich eine Distanz zu politischer Kommunikation vor. Die neuen Formen der Onlinediskussion stoßen hier auf genau so wenig Resonanz, wie auch andere Kommunikationskanäle.

Die Energie der Digital Citizens nutzen

Die politische Partizipation wird sich durch diese Entwicklung stark verändern. Die Bedeutung von Organisationen wie Parteien wird in der Folge zurückgehen, dahingegen wird sich die politische Wirksamkeit des Einzelnen verfestigen. Zur Schaffung von Legitimität wird eine intensive Kommunikation, sowohl in Form von Onlineformaten wie auch Offline, von großer Wichtigkeit sein.

Die repräsentative Demokratie kann nicht durch die neuen Möglichkeiten der Partizipation ersetzt werden, aber ergänzt. Die neuen Medien bieten vielfältige Möglichkeiten zur spontanen Beteiligung und zu Engagement, auch abseits von politischer Partizipation. So wird flexibleres Agieren möglich. Es muss gelingen, die Energie der „Digital Citizens“ für Prozesse und Entscheidungen zu gewinnen und zu nutzen. Dazu gehört es über Open-Data-Plattformen Informationen zur Verfügung zu stellen und die Möglichkeiten von E-Partizipation zu stärken. Gleichzeitig gilt es, die „schweigende Mehrheit“ zu respektieren und sie gleichzeitig immer wieder bspw. durch aufsuchende Formate vor Ort, durch Kinder- & Jugendformate oder e-Partizipationsangebot einzuladen an politischen Beteiligung teilzunehmen.

Medien wirken – Digitale Gesellschaft und Medienbildung; Journal für politische Bildung. Wochenschauverlag 2016

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