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Nachhaltige Stadtentwicklung in Lyon

Lyon befindet sich gerade in einem spannenden Prozess. Anfang 2015 verschmolz die Stadt mit 59 Umlandgemeinden zu „Grand Lyon“, und in der nun etwa 1,5 Millionen Einwohnern leben. Die neu entstandene Stadtregion versucht sich im Wettbewerb um Zuzug beispielsweise von Paris, mit hoher Lebensqualität und Entwicklungsschritten in Richtung Nachhaltigkeit zu unterscheiden. Das wollten wir uns bei der dreitägigen Exkursion der Lokalen Agenda 21 Wien natürlich im Detail ansehen.
Exkursionsbericht von Peter Kühnberger zur nachhaltigen Stadtentwicklung in Lyon, 23.11.2015

Nachhaltiger Verkehr

Gleich zu Beginn sticht die Wiedereinführung der Straßenbahn ins Auge. Nachdem der U-Bahn-Ausbau von der Geschwindigkeit und den Kosten mit der Stadtentwicklung nicht zusammen passte, „erinnerte“ man sich der 40 Jahre zuvor eingestellten Straßenbahn. Seit 2000 wurde ein 81 km langes Liniennetz in Betrieb genommen, inklusive einer Schnellstraßenbahn – dem Rhônexpress – die den Flughafen mit dem Zentrum verbindet. Als Passagier merkt man sofort wie flott man in den Straßenbahnen unterwegs ist – sobald sich die „Bim“ einer Kreuzung mit Lichtsignal nähert, schalten dieses auf grün und man braust durch Stadt und Überland.

Bei unserem Besuch in der Verkehrsleitzentrale, in der 150km Glasfaserkabel von 1.500 Ampeln, Absperrungen von Fußgängerzonen wie auch Zählstellen uvm. zusammenlaufen, wurde mein „Bim-Speed-Gefühl“ bestätigt. Neben der automatischen Bevorrangung der Öffis an jeder Ampel arbeitet man dort händisch auch an der Optimierung einzelner Kreuzzungen und konnte so die Fahrt auf einer Linie um 10% beschleunigen. Das hat Charme – ohne in neue Garnituren investieren zu müssen, wurde die Frequenz um 10% gesteigert.

Nachhaltige Stadtentwicklung Lyon

Sehr auffällig im Stadtbild ist auch das 2005 noch vor Paris gestartete Leihradsystem vélov. Jedes der 4.000 Rädern wird täglich 6-7 Mal an einer der 348 Stationen in der Stadt ausgeborgt – ein toller Nutzungswert. Wir schätzten die Räder sehr und fuhren durch den knapp 2 km langen „Tunnel De La Croix Rousse“. Bei der Anpassung an verschärfte Brandvorschriften nutzte die Stadt die Gelegenheit und entschied die neue Röhre dem hybriden Linienbus, zu Fuß Gehenden und Radlern Radfahrer/innen vorzubehalten. Ein wirkliches Erlebnis in einer Tunnelröhre mit Lichtinstallation und ohne Abgasen zu radeln. Der aktuelle Modal-Split wird derzeit erhoben, klar ist jedoch bereits, dass der Anteil der Radfahrenden am stärksten von allen Verkehrsnutzungen anstieg. Neben neuer Radinfrastruktur sind im Straßenbild auch die Carsharing-Standplätze mit Elektrotankstellen auffällig.

Stadtentwicklung für eine Region

Grand Lyon verfolgt eine Wachstumsstrategie mit Blick auf gesteigerte Widerstandsfähigkeit der Region und will 150.000 neuen Wohnungen in den kommenden 15 Jahren errichten. Dieses Wachstum soll über die gesamte Region verteilt werden. Die Organisationsform der neu geschaffenen Stadtregion soll bei der Umsetzung dieser Pläne helfen. Auffälligstes Stadtentwicklungsgebiet ist „Confluence“. Das im Herzen von Lyon gelegene 150ha großes Insel-Gebiet am Zusammenfluss von Rhône und Saône war früher geprägt vom Gefängnis (heute Unicampus), Großmarkt (in Planung für gemischte Büro/Wohnbebauung), Hafen (heute u.a. Freizeitanlagen und das von Coop Himmelb(l)au erbaute Musée des Confluences) und Industrie. Nach wie vor führt hier auch die berüchtigte A7 mit sechs Spuren durch das Viertel. Im Endausbau werden in Confluence 25.000 (Büro)Arbeitsplätze und 12.000 Bewohnende untergebracht sein – neben einem großen Einkaufszentrum.
Wie in allen anderen Neubaugebieten ist auch hier die Vorgabe zwischen 20% und 30% der Wohnfläche als sozialen Wohnbau zu errichten. Der Bedarf ist mit einer Warteliste von 45.000 Interessierten weitaus höher als das Angebot. Während „Confluence“ mit enormer Vielfalt in der Architektursprache und erneuerbarer Energie auffällt, sind die anderen drei Stadtentwicklungsgebiete nicht weniger interessant. „Part-Dieu“ soll die Gegend um den Bahnhof als Geschäfts-, Büro- und Wohnquartier beleben, „Gerland“ versucht sich als High-Tech Biodistrict zu positionieren und „Carré de Soie“ seine Lage am Fluss mit Erholungs- und Freizeitangeboten auszuspielen. Aber auch Sozialsiedlungen aus den 60er Jahren werden identifiziert und entweder abgerissen oder mit (einem für Frankreich relativ neuem Zugang) nachhaltig saniert. Was stadtplanerisch gerade Thema ist: Sammelgaragen am Rande der Siedlungen zur Verkehrsberuhigung innerhalb der Quartiere wie auch der Senkung der Wohnungskosten, die Schwierigkeiten Durchwegungen bei oftmals umzäunten Privatgrundstücken umzusetzen oder die offene Gestaltung öffentlicher Plätze.

Vom Park-Platz zum Publikums-Platz – die Transformation des Öffentlichen Raums

Lyon wandte in den 60er- und 70er-Jahren seinen Flüssen den Rücken zu. 30 Jahre später erkannte man das Potenzial für den Öffentlichen Raum und wendet „den blauen Adern der Stadt“ wieder das Gesicht zu. Das 5 km lange Ufer der Rhône wurde von 2.500 Parkplätzen befreit und in 10 ha Freifläche umgestaltet. Zwei kostenpflichtige Sammelgaragen wurden am nördlichen und südlichen Ende mit 1.200 Stellplätzen errichtet. Das Ufer ist bei den Einwohner/innen so beliebt, dass es am Wochenende kaum mehr ein Platz zu finden ist. Planer/innen habe sehr harmonische Freiflächen entwickelt, zahlreiche Terrassen-Stufen – mit Durchquerungen für Rollis – einen Skaterpark, Plätze für Fußball, Rollschuhfahren, Boccia und Kinderspiel wie auch Sonnenliegen, Wasserrutschen und tausende neu gepflanzte Bäume ziehen heute die Lyonaiser Bevölkerung magisch an. Ähnliches bei der Umgestaltung an der schmäleren Saône. Auf einer Seite wurde bereits eine durchgängige 15 km lange Uferpromenade geschaffen mit Zugängen zum Wasser, Picknick-Möglichkeiten, 23 permanenten Kunstwerken, Angebote für Familien und Sport. Die zweite Seite, an der man heute noch die Parkplätze am Fluss sehen kann, soll noch folgen.

Für uns spannend die klare Handschrift der Freiraum- und Landschaftsplanung im 2014 eröffneten Parc Blandan zu sehen. In dem 17 ha großen Areal, das zuvor ein Kasernenareal war, sind drei Nutzungszonen untergebracht. Ein 2,7 ha großes Areal für Sportmöglichkeiten von Jugendlichen und Erwachsenen, ein biodiverser Naturteil in der Mitte und ein großer Platzbereich mit wassergebundener Decke der auch für Veranstaltungen genutzt wird. „Das“ Kids-Spielgerät ist eine Holzwand voller Geheimgänge – nachempfunden der ehemaligen Festungsmauer – die zu drei Röhrenrutschen führen.

Grätzelbeirat – Bürgerbeteiligung mit System

Eine Projektmanagerin für partizipative Demokratie erklärte uns die Conseiller de quartier. Für Wien wohl am besten übersetzt mit „Grätzelbeirat“ – ähnlich den Agenda Steuerungsgruppen oder den Grätzlbeiräten, die es im Volkert-, Alliierten– und Stuwerviertel bereits gab. In der Stadt sind 36 Grätzelbeiräte aktiv mit rund 3.000 ehrenamtlichen Freiwilligen, von denen etwa ein Drittel zu den Treffen kommt. Der „conseil“ ist ein beratendes Bürgergremium in dem Ideen aus der Nachbarschaft aufgegriffen werden sollen, Meinungsbildung zu lokal relevanten Projekten in Richtung Bezirksräte wie auch zur Nachbarschaft passiert. Derzeit überwiegen dort oftmals pensionierte und gut ausgebildete Männer. Neben Nachbarschaftsfesten entstehen auf dieser Ebene auch lokale Vereine, die sich bspw. um Sauberkeit kümmern oder auch Projekteinreichungen für kleinere Projekte im Öffentlichen Raum, die im Schnitt mit € 3.500.- gefördert werden – vergleichbar mit Projekten der Gräztloase in Wien.

Nationale Open Data Strategie

Sehr erfolgreich läuft der Routenplaner in Echtzeit für Öffis, Rad, zu Fuß oder mit dem KfZ. Nachdem Open Data auch eine nationale Strategie ist, interessierte mich die Strategie von Grand Lyon mit den Echtzeitdaten für den Öffentlichen Nahverkehr. Man will drei Arten von Lizenzierungen für Anbieter herausgeben: nur das Kartenmaterial, Plandaten und Echtzeitdaten. Die Verwaltung will für die freie Nutzung der Daten eine Qualitätssicherung mit Label in Folge vergeben – das ist in der nationalen Strategie nicht vorgesehen, mal schauen, ob ihnen das inkl. Aufwand auch gelingt.

Gemeinschaftsgärten und „Urban Food Policy“

An der Stelle dürfen nicht die 43 in den letzten Jahren entstandenen Gemeinschaftsgärten vergessen werden. Wie beispielsweise der charmante Jardin Ilôt d’Amaranthes, der aus einer Aneignungs-Kunstaktion entstanden ist. In einem dicht bebauten Stadtteil findet dort nun Umweltbildung, Garteln für 50 Familien sta(d)t und dieser entwickelte sich zu einem sozialen Treffpunkt.
Selbstversorgung bietet ein anderes Programm der Stadtregion an. Die Familien- und Arbeitergärten mit 100 bis 200 m2 stehen ausschließlich für die Bewirtschaftung und Selbstversorgung zur Verfügung. Eine andere Initiative der Stadt zeichnet seit 2010 soziale und solidarische Unternehmen mit einem Siegel aus – aktuell sind dies 200 Mitglieder viele davon im Bereich Ernährung. Grand Lyon arbeitet aktuell an einer „urban food policy“, in der städtische Landwirtschaft in die Stadtplanung bereits einfließen soll. Man darf gespannt sein, was das Ergebnis sein wird.

Die Sinnhaftigkeit einer nachhaltigen Regionsstrategie, die nun nicht mehr nur die 500.000 Städter/innen sondern 1,5 Millionen Menschen mit den Umlandgemeinden einschließt, ermöglicht bspw. die übergeordnete Raumplanung, Entwicklung des Öffentlichen Verkehrs wie auch die von sozialen oder medizinischen Einrichtungen. Es wirkt so, als würde das zu einem kritischen Erfolgsfaktor für die nachhaltige Entwicklung von Grand Lyon werden.

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